Frauen mit Migrationshintergrund machen sich immer öfter selbstständig.

In Deutschland gibt es momentan ungefähr 81 Millionen Menschen und davon sind etwas weniger als die Hälfte Frauen. Jede Fünfte dieser in Deutschland lebenden Damen hat einen Migrationshintergrund. Manche dieser etwa 6 Millionen sogar schon in dritter Generation. Für diese Leute ist Deutschland kein vorrübergehender Aufenthaltsort mehr, sondern ihre Heimat. Dazu gehören vor allem auch die Türkinnen, die verstanden haben, dass ihre Geschäftstüchtigkeit auch vor Ort gefragt ist. So hat sich seit den 90er Jahren die Zahl der türkischstämmigen Startups bis heute sogar verdoppelt. Momentan sind es 33.000 Frauen, die sich mit einem Unternehmen selbstständig gemacht haben.

Wahrscheinlich ist es auf das Vorbild des Heimatlandes zurück zu führen. „Für Frauen ist es in der Türkei einfach, Karriere zu machen“, sagt Dilek Kurt. Eine Frau, die es wissen muss. Sie wuchs in Deutschland auf und war am Anfang ihrer Karriere schon stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des türkischen Arbeitgeberverbands der Metallindustrie (MESS) in Istanbul. Anfangs fühlte sie sich unsicher in ihrem Job, doch ihr Umfeld bestärkte sie in ihrer Position. Heute ist Kurt bei der türkischen Elginkan Holding. Sie leitet vor Ort den Personalbereich und Corporate Relations. Ihre Tochter nebenbei aufzuziehen, ließ sich gut mit dem Arbeitsalltag vereinbaren.

Dilek Kurt ist nur eine von vielen erfolgreichen Top-Managerinnen in der Türkei. Studien belegen, dass die Türkei in Sachen Frauenanteil Vorreiter für viele europäische Länder sein kann. Laut Analyse des World Economic Forums beträgt der Frauenanteil in den Vorständen 12%. Überraschend teilte sich die Türkei 2010 damit den zweiten Platz mit Norwegen in der Rangliste. Nur Finnland übertraf mit einem Prozentpunkt mehr die beiden. Auf der ganzen Welt liegt die Frauenquote gerade mal bei fünf Prozent, in Deutschland sind es nicht einmal vier Prozent.

Der entscheidende Unterschied

Schaut man in die Geschichte dieser beiden Länder leuchtet einem vielleicht ein, voran es liegen könnte, dass die Türkei in der Hinsicht so frauenfreundlich eingestellt ist. Die Industrialisierung, die in Deutschland eine lange Geschichte hat, prägte Hierarchien, die auf Männer und ihre Arbeitskraft zugeschnitten waren. Da die Türkei diese Anpassung nach westlichen Maßstäben sehr viel schneller und später durchlaufen hat, konnten sich solch festgefahrene Muster in der Arbeitswelt erst gar nicht ausbilden. Deutschland muss der Gleichberechtigung zuliebe eine Entwicklung rückgängig machen, die in der Türkei nie in dieser Form stattgefunden hat. Und Verhalten zu ändern, ist bekanntlich schwerer, als etwas völlig neu zu lernen. Außerdem hat sich die türkische Kapitalmarktaufsicht (SPK) dem Prinzip der Fortschrittlichkeit verschrieben. Sie sprachen die eindringliche Empfehlung aus, dass jedes Unternehmen, das an der Börse agiert, eine Frau im Vorstand sitzen haben sollte. „Die Reaktionen sind sehr positiv, die meisten halten sich daran“, sagt der Sprecher der SPK.

Für die Betreuung der Kinder ist ebenfalls gesorgt, sodass das deutsche Problem der Vereinbarkeit von Kind und Karriere sich viel seltener zeigt. Ab 150 weiblichen Arbeitnehmerinnen pro Firma muss laut türkischem Arbeitsgesetz ein Kindergarten eingerichtet werden. Auch die Tradition der Familienbetriebe lebt derweil am Bosporus noch weiter, sodass der Firmeninhaber sich lieber die Tochter in die Leitung des Betriebes holt, als einen Mann von außen einzustellen. Dem Bruttoinlandprodukt scheint dieses Entwicklung beim Wachsen zu helfen, denn 2011 stieg es um 8,5. Im Vergleich zu Deutschland also 5,5% mehr.

Die Kehrseite der Medaille

Was sich im ersten Moment wie ein Paradies für Frauen anhört, ist dann leider doch nicht für jede erlebbar. Denn laut Industrieverband TÜSIAD gehen nur 29 Prozent aller türkischen Frauen überhaupt arbeiten. Den viertletzten Platz belegt die Türkei damit weltweit. Und auch in der Politik scheinen Frauen bisher nichts zu sagen haben. Es gibt unter den 26 Ministern nur das Ressort der Familie, welches von Fatma Sahin besetzt ist. Es bleibt abzuwarten, wann die Wirtschaft auf die Politik abfärbt und ob dann auch generell mehr Frauen arbeiten wollen/können werden. Einiges lernen kann Deutschland dennoch jetzt schon von dem sonnigen Staat.