„Wir Frauen wollen unabhängig sein und etwas Sinnvolles tun.“

In den Städten Norwegens geht das Leben schon früh am Morgen für die ganze Familie los. Obgleich es draußen noch stock duster ist, wird in den Häusern das Licht angemacht, die Kinder gewaschen, angezogen und gefüttert, um sie danach in den Ganztageskitas und –schulen zu bringen. Neun Stunden dauert die Betreuung dort nun vor Ort. Das heißt die Eltern können einem Vollzeitjob nachgehen, ohne sich Gedanken um die Betreuung bzw. dessen Finanzierung zu machen. Dieser Alltag ist in Nordeuropa normal und nicht wie in Deutschland eine Ausnahme.

Ein Leben als Hausfrau undenkbar

Die Entscheidung, ob eine Frau Kind oder Karriere mit Leib und Seele anstrebt, steht selten an. Mütter können in Norwegen Kinder bekommen und arbeiten trotzdem in Führungspositionen. Als „Paradies für Frauen“ werden unsere nördlichen Nachbarländer von vielen weiblichen Arbeitnehmerinnen betrachtet, die stets ein schlechtes Gewissen plagt, wenn sie Kind oder Karriere bevorzugen. Kein Wunder also, dass die Geburtenrate in Deutschland kontinuierlich zurückgeht. Momentan liegt sie bei 1,38. In Norwegen wurde sie 2011 mit 1,95 Kindern pro Frau erhoben. Die Norweger sind Anführer, wenn es darum geht Kinder zu bekommen und Frauen in der Führungsetage zu wissen. Unbestritten ist dies kein organisch gewachsener Zustand, da 2008 eine Quote eingeführt worden ist, die besagt, dass 40 Prozent aller Aufsichtsräte der größeren börsennotierten Unternehmen mit Frauen besetzt sein müssen. Die Politik wusste, dass diese Forderung nur erfüllt werden kann, wenn potentielle Anwärterinnen auch ihre Familien untergebracht wissen. Das heißt in diesem Fall, dass für jedes Kind ein Kitaplatz in Wohnortsnähe da ist, der zu gewöhnlichen Arbeitszeiten geöffnet ist. Es gehen in Norwegen 87 Prozent der Kinder in die Frühbetreuung, für die Elternbei maximaler Berechnungsgrundlage trotzdem nur 300 Euro zahlen müssen. In Deutschland findet man in manchen Gegenden nicht mal leicht einen Kitaplatz, geschweige denn, dass dieser erschwinglich ist. Und die wenigsten Einrichtungen nehmen überhaupt Babys mit einem Jahr auf.

Statussymbol Kind

Während sich in Deutschland werdende Mütter teils mit Unmut untereinander fragen, wie man die Vollzeitstelle nach der Elternzeit behält und weiterhin gut ausführt, kann man in Norwegen einen Trend zum vierten Kind beobachtet. „Das hat auch etwas mit Status zu tun“, weiß eine Norwegerin, die ursprünglich aus Rumänien kommt und sich erst an das System gewöhnen musste. Sie vermutet, „eine Frau, die vier Kinder hat und arbeitet, muss eine sehr starke Frau sein.“

Aber auch die Männer entwickelten mit der Zeit ein Familienbewusstsein. Kinder gehören zum Leben und niemand schaut einen Vater komisch an, wenn er das Homeoffice bevorzugt, weil seine Kinder krank sind. Skypen mit Geschäftskollegen und das Kind ist dabei auf dem Schoß, in Norwegen auch Gewohnheit. Hierzulande sind wir erst im Prozess, dass Männer anfangen Elternzeit zu nehmen – meistens doch nur zwei Monate.

Unternehmen mussten umdenken und buhlen nun um gute Arbeitskräfte, in dem sie flexible Arbeitszeiten anpreisen, Homeoffice erlauben und dem Arbeitnehmer einfach einen Vertrauensvorschuss geben. Wie die Kinder tagsüber untergebracht sind, interessiert auf einmal beide Parteien. Chefs, die in Norwegen auch fast alle Kinder haben, wissen außerdem, „dass Mütter oft effizienter arbeiten als flexible Jungmanager, weil sie gewohnt sind, sich mit knapper Zeit besser zu organisieren.”

Aussterben wollen wir auch nicht!

Dass Teilzeitarbeit keine Hürde im Weg zur Karriere ist und engagierte Eltern zumindest genauso viel Ansehen wie berufstätige Singles genießen, ist in Deutschland leider ferne Zukunftsmusik. Doch der Staat muss um wettbewerbsfähig zu bleiben bald etwas ändern und damit sei keinesfalls ein höheres Betreuungsgeld gemeint, sondern Möglichkeiten wie wir Gleichberechtigung in der Elternschaft und im Arbeitnehmeralltag etablieren.