Anne-Marie Slaughter weiß, dass sich noch viel ändern muss, bevor Frauen alles haben können. Quelle: Princeton University
Anne-Marie Slaughter weiß, dass sich noch viel ändern muss, bevor Frauen alles haben können. Quelle: Princeton University

Sie hat das erreicht, worum viele Frauen sie beneiden. Sie ist erfolgreich in einem einflussreichen und erfüllenden Job – und Mutter von zwei Kindern. Von Montag bis Freitag sehr weit entfernt zu sein von ihren heranwachsenden Söhnen, hat sie allerdings „nur“ zwei Jahre ausgehalten. Dann ist Anne-Marie Slaughter aus Washington, wo sie als erste Frau im US-Außenministerium als Director of Policy Planning beschäftigt war, zurück in ihre Heimat gezogen. Zu ihrer Familie. Seitdem ist die Politikwissenschaftlerin Professorin an der Elite-Universität Princeton. Seit dem 1. September ist sie außerdem neue Präsidentin und CEO der New America Foundation.

Die meisten Männer hätten sich anders entschieden

Das klingt nicht unbedingt nach weniger Erfolg und weniger Arbeitsbelastung. Trotzdem musste sich die ehemalige Beraterin von Hillary Clinton Vorwürfe gefallen lassen, die etwa so klingen, als kehre sie zurück an den Herd. Das ist allerdings nie ihre Intention gewesen. Auslöser der Debatte war ihr mittlerweile berühmter Artikel Why women still can‘t have it all im Magazin The Atlantic. Wir sollten aufhören, uns etwas vorzumachen, beginnt der Text. Uns vorzumachen, dass Frauen alles haben können: Kinder und Karriere. Viele haben ihr vorgeworfen, in ihrem Artikel würde sie Frauen dazu ermutigen, ihre erfolgreiche Position aufzugeben, um für die Familie da zu sein. Das ist falsch, sagt Anne-Marie Slaughter. Sie würde sich nie auf Kosten des Jobs für die Familie entscheiden, sondern dafür sorgen, dass beides zusammen funktioniert. Sie hat eine Entscheidung getroffen, die ihr genau das ermöglicht. Und trotzdem: Die meisten Männer hätten sich anders entschieden, da ist sie sicher. Und verstehen kann sie es auch. Wer lange darum kämpft, ein Ziel zu erreichen, gibt nicht so einfach auf, wenn es erreicht ist.

Freie Zeiteinteilung ist hilfreich

Im Interview mit dem Magazin The European beschreibt sie ihre typische Arbeitswoche in der Denkfabrik des Außenministeriums: Montag 4:20 Uhr aufstehen, um den 5:30 Uhr Zug nach Washington zu nehmen, Freitagabend mit dem Spätzug zurück. In den Tagen dazwischen kam sie nie zu einer Zeit aus dem Büro, zu der noch ein Supermarkt geöffnet hat. Man kann sich vorstellen, wie viel Energie man haben muss, um am Wochenende dann voll und ganz für die Familie da zu sein. Ihr jetziger Job ist ebenfalls anstrengend, aber sie kann sich ihre Zeit frei einteilen und das ist ihr wichtig. Frauen, die Job und Familie managen, müssen entweder übermenschlich, reich oder selbständig sein, sagt Anne-Marie Slaughter. Sie ist ein bisschen von allem, verrät sie in dem Interview. Obwohl sie die Freiheit schätzt, ihre Arbeit dann zu erledigen, wann es in ihren Zeitplan passt, verteidigt sie die Entscheidung Marissa Mayers, alle Mitarbeiter aus dem Home Office zurück ins Büro zu beordern. Marissa Mayer, die vor gut einem Jahr CEO von Yahoo wurde und selbst junge Mutter ist, wurde dafür stark kritisiert. „Ihr Hauptziel ist es, das Unternehmen zu retten. Andernfalls hat dort bald niemand mehr einen Job“, argumentiert Anne-Marie Slaughter. Aber auch die junge Yahoo-Chefin erfüllt mindestens einen der Punkte, die es überhaupt nur ansatzweise möglich machen, dass Frauen „alles“ haben können: sie verdient genug Geld, um sich eine Vollzeitbetreuung ihres Kindes leisten zu können.

Einen Mutterschutz, wie wir ihn in Deutschland kennen, gibt es in den USA übrigens nicht.