Als junge Frau eine Firma zu leiten in einer männlich geprägten Branche, erfordert Mut.  Alles eine Frage des Blickwinkels, meint Vanessa Weber. Im Interview mit wirtschaftsamazonen.de erzählt die Unternehmerin, wie sie einen positiven Eindruck bei Mitarbeitern und Kunden hinterlässt und warum Netzwerken jede Ausbildung ersetzen kann.

Vanessa Weber ist Vorbild für viele Jungunternehmerinnen - sie leitet das Familienunternehmen Werkzeugweber in vierter Genaration und führte es zu goßem Erfolg
Vanessa Weber ist Vorbild für viele Jungunternehmerinnen – sie leitet das Familienunternehmen Werkzeugweber in vierter Genaration und führte es zu goßem Erfolg

Frau Weber, Sie sind eine Frau und auch noch sehr jung. Hatten Sie schon mal Autoritätsprobleme bei Ihren Mitarbeitern?

Vanessa Weber: Ja, ich habe tatsächlich bei vielen meiner Mitarbeiter auf dem Schoß gesessen als Baby, weil ich hier im Laufstall aufgewachsen bin. Und da fragen natürlich schon einige: ist das nicht komisch? Aber ich denke, wenn die Mitarbeiter merken, man interessiert sich für sie und man hat auch die Kompetenz, ist das kein Problem.

Ich musste mir viel aneignen, aber es ist wichtig, Vorbild zu sein. Ich bin die erste die kommt, die letzte die geht, habe in den ersten drei Jahren überhaupt keinen Urlaub gemacht. Ich möchte gar nicht propagieren, man sollte keinen Urlaub mehr machen – Work-Life-Balance ist wichtig – ich will damit nur sagen, ich habe sehr viel Engagement gezeigt.

Ich habe mal im Lager gestanden, habe bedient, habe jede Mann- und Mausstelle mit erarbeitet und weiterentwickelt. Und wenn die Mitarbeiter sehen, da steht jemand voll und ganz dahinter, arbeitet mit und ist nicht nur Sohn oder Tochter – was ja auch oft der Fall ist -, dann kriegt man automatisch von den Mitarbeitern auch Respekt. Man leistet natürlich mehr, hat große Verantwortung, da darf man sich auch gewissen Sachen herausnehmen, ohne schlechtes Gewissen. Aber ich finde gerade am Anfang müssen die Angestellten sehen, dass man dahinter steht.

Und wie ist das bei den Kunden?

Vanessa Weber: Auch da Frau in der Männerwelt – und dann noch eine junge Frau in der Männerwelt, das war natürlich zweimal komisch. Aber das ist eine Frage der Blickrichtung. Ich kann das negativ sehen und mir sagen, oh Gott, ich bin eine Frau und jung und total blöd. Oder ich kann sagen, mensch, ich bin eine Frau, das ist doch super. Denn wer sind meine Konkurrenten? Das sind meist die viel älteren Männer. Und wenn ich das aus der Kundensicht sehe, wen würde ich lieber sehen, eine junge Frau oder einen älteren Mann?

Aber trotzdem möchte man natürlich gut beraten werden und das ist dann der Knackpunkt. Hier muss ich natürlich Fachkompetenz haben. Aber wenn da eine Frau kommt, dann hat der Kunde erst mal eine ganz niedrige Erwartungshaltung. Hingegen wenn ein erfahrener Grauhaariger da sitzt, dann denkt er, der muss aber alles wissen.

Dann hat er es von vorn herein schwerer?

Vanessa Weber: Genau. Wenn der Mann dann nicht alles weiß, dann denkt der Kunde, was für ein Blödmann. Aber die Frau übertrifft in den meisten Fällen die Erwartung. In der Regel denken sie ja, das ist die Sekretärin, die kann Kaffee kochen, und dann verblüfft man sie total, indem man Fachkompetenz hat. Ohne die geht es natürlich nicht. Aber dann haben wir Frauen eigentlich einen Vorteil. Also ich habe meinen „Nachteil“ immer als Vorteil genutzt.

Vor allem haben Sie ja dann sicher einen frischen Wind in das Unternehmen gebracht! Hat sich die Ausrichtung des Unternehmens geändert, seit Sie die Zügel in der Hand haben?

Vanessa Weber: Auf jeden Fall. Wir waren früher auf das Kerngeschäft Werkzeuge fokussiert. Ich sage heute immer, ich verkaufe alles außer Waffen und Drogen. Wir sind Problemlöser geworden. Fitness First hatte zum Beispiel ein Problem mit Haartrocknern und nun sind alle Fitness First Studios mit Haartrocknern von der Firma Weber ausgestattet.

Wenn ein Kunde mit einem Problem zu uns kommt, dann wühle ich mich solange durch, bis ich dem Kunden eine gute Lösung anbieten kann. Die weiß ich auch vorher nicht, aber ich weiß, wen ich fragen kann. Das ist ein Schlüsselgeheimnis und da sind wir wieder beim Thema Netzwerken.

Wenn irgendwo ein Betrieb aufmacht und da steht gar nichts drin, können wir von der Inneneinrichtung über Lagerregale bis zur Präsentationstechnik im Besprechungsraum alles liefern. Und dazu gehören Arztpraxen, Hotels, Banken..

Also haben Sie das Unternehmen auch vergrößert! Haben Sie jetzt auch mehr Angestellte als ihr Vater früher?

Vanessa Weber: Also ich hatte übernommen 9 Mitarbeiter mit einem Umsatz von 1,9 Millionen und mittlerweile sind wir 20 Mitarbeiter und machen 10 Millionen Umsatz. Da haben wir also schon ein paar Schippen drauf gelegt.

Sie haben auf jeden Fall gezeigt: junge Frau kann das!

Vanessa Weber: Genau. Und nochmal das Thema Netzwerke. Das ist ein Punkt den ich nur unterstreichen kann. Ohne Netzwerke geht es gar nicht. Ich habe ja nicht studiert.

Ist das ein Nachteil?

Vanessa Weber: Nein, überhaupt nicht. Leider ist ja in den meisten Unis sehr wenig Praxisbezug. Und ohne den Professoren auf die Füße treten zu wollen, aber die haben ja oft noch nie einen Betrieb von innen gesehen. Mein Vater hat damals zu mir gesagt – ich wollte studieren – Vanessa, gehe erst mal ein halbes Jahr in den Betrieb und schaue, ob dir das überhaupt zusagt. Und nach einem halben Jahr habe ich dann gefragt, wie es mit dem Studium aussieht und da meinte er, ich habe so viele Sachen angefangen, da kann er mich jetzt gar nicht mehr weglassen. Und außerdem würde ich in der Firma viel mehr lernen als im Studium und da kann ich ihm nur recht geben.

Aber was für mich ein großer Erfolgsfaktor ist, ist lebenslanges Lernen. Ich war ja bei den E/D/E Junioren. Da war ich noch gar nicht in der Firma, da hat mein Vater mich zum ersten Mal nach Holland geschickt. Der Nächstjüngste nach mir – ich war 17 – war 25. Die haben dort was über Cash Cows und Poor Dogs erzählt. Gut, reden sie halt von Kühen und Hunden, soll mir auch recht sein. Ich habe ja noch gar nicht die Zusammenhänge kapiert.

Aber ich konnte abends Gespräche mit anderen Unternehmerkindern führen, die auch einen Werkzeughandel hatten. Ein Branchennetzwerk, in dem ich heute noch aktiv bin. Ich bin auch bei Bosch Power Tools in Stuttgart, wo ich mich mit 7 weiteren Händlern um die strategische Weiterentwicklung von Bosch-Händlern kümmere. Man muss sich ganz viele Zukunftsgedanken machen, das bringt einen ja auch für das eigene Unternehmen weiter.

Außerdem bin ich bei den Wirtschaftsjunioren sehr aktiv und habe dort immer die Weiterbildungsangebote genutzt. Da gibt es ganz viele Führungsakademien, Konferenzen, wo man sich vernetzt und auch tolle Vorträge hört.

Ich besuche im Jahr mindestens 4 bis 5 Seminare – und das ist noch wenig. Dieses Jahr habe ich die schon voll und wir haben erst März. Für mich ist das eine ganz elementare Sache, sich immer den Geist offenzuhalten für Neues und sich weiterzubilden.

Also Netzwerken erspart Ausbildung, Zeit, Geld und Fehlermachen?

Vanessa Weber: Richtig. Das hat mir auch schon ganz oft weitergeholfen. Ich hatte zum Beispiel über die Wirtschaftsjunioren meinen Nachbarn hier kennengelernt, was ein bisschen seltsam ist, weil er ist ja mein Nachbar. Da würde man meinen, man kennt sich. Ist im gleichen Alter wie ich, auch Unternehmerkind und Nachfolger. Er hat ein Farbengroßhandel, wir den Werkzeuggroßhandel.

Ich habe einen Kunden ausgestattet – Deutschlands größtes Fotostudio hier in Hanau. Da hat mich der Fotograph angerufen, dass er Greenscreen-Farbe braucht. Ich wusste gar nicht was das ist. Er fragte mich, ob ich ihm das besorgen kann und ich meinte, da müsste ich mal kurz nachschauen, aber ich hätte da eine Idee. Da krame ich die Visitenkarte von meinem Nachbarn raus, den ich ja zwei Wochen zuvor kennengelernt hatte und frage ich, ob er wüsste, was Greenscreen Farbe ist. Ja logisch, sagt er, kann ich dir schnell zusammen mischen. Das nur mal als ein Beispiel, wie ein Netzwerk funktionieren kann.

Mittlerweile ist es ja auch so, dass ich auf allen möglichen Bühnen unterwegs bin. Zum Beispiel bei der Deutschen Bank bei einem Business-Frühstück. Und ich war da ja auch vor den 170 Leuten beim BJU. Und das kam immer auf mich zu, ohne dass ich das angeschoben hätte von mir aus. Die Leute kamen auf mich zu und haben Fragen gestellt und ich habe häufig mit Rednern gesprochen und ihnen meine Geschichte erzählt. Und da meinten sie, Vanessa, du musst dich doch auch mal auf die Bühne stellen. Und das macht mir auch richtig Spaß Wenn dann nach dem Vortrag junge Nachfolgerinnen zu mir kommen und sagen, wenn du das geschafft hast, kann ich das auch.

Ich freue ich, wenn sich die Leute mehr zutrauen, nachdem sie meinen Vortrag gehört haben. Entweder zutrauen mehr Umsatz beim Kunden zu machen, was ja ein Thema von mir ist, oder dass sie sich eine Nachfolge mehr zutrauen. Oder auch dass Väter, die mir hoffentlich zuhören, ihren Kindern die Sache zuzutrauen.

Ja, das ist tatsächlich ein großes Problem, dass manchen ihre Firma lieber schließen, als sie ihren Kindern zu übertragen.

Vanessa Weber: Ja, da muss ich auch meinen Vater sehr hoch halten. Er hat mir von Anfang an vertraut. Der Steuerberater meinte auch, Herr Weber, sie können doch dem jungen Ding nicht die Firma überschreiben. Am Ende lernt die einen Mann kennen und zieht nach Südafrika und dann ist das ganze Geld weg. Und meine Vater hat gesagt, nein, ich kenne doch meine Tochter, die macht so was nicht.

20 Mitarbeiter führen, Vorträge halten, das klingt nach einer Menge Arbeit. Wie machen Sie das? Sie haben offensichtlich ein gutes Zeitmanagment?

Vanessa Weber: Ich habe ja Leute im Unternehmen, denen ich tausendprozentig vertrauen kann. Mein Bruder ist mittlerweile dabei und meine Mitarbeiter die unterstützen mich natürlich auch in dem Ganzen – das reche ich ihnen auch hoch an. Und ansonsten ist das auch für mich meine Berufung. Auch davon zu erzählen und das Netzwerken ist eher ein Hobby. Das ist für mich positiver Stress. Ich bin mindestens an 30 Wochenende im Jahr unterwegs. Deswegen ist das für mich kein Thema, wie ich da den inneren Ausgleich finde.

Sie brauchen das auch?

Vanessa Weber: Ich habe jetzt das Thema Thai Chi für mich entdeckt und ich meditiere auch mal. Ich bin da in alle Richtungen offen. Und wenn ich dann sage, ich muss mal an meinen Kraftplatz gehen und bin dann einfach mal in der Natur und mache ein paar Thai Chi Übungen, dann ist mein Akku wieder voll aufgeladen. Manchmal muss man sich ja nur 10 Minuten rausnehmen. Das kann für jeden etwas anderes sein. Der eine fährt eine Runde mit dem Auto, der andere macht Yoga…

Das stimmt! Aber dass für sie Teile ihrer Arbeit auch eher Hobby oder Freizeit sind – oder sich so anfühlen – ist sicher ein wichtiger Punkt.

Vanessa Weber: Ja, das stimmt, wenn man Spaß an der Arbeit hat oder wenn man seine Berufung gefunden hat – und das habe ich für mich mit dem Thema Vorträge. Meine Firma voranbringen, das war gut und ist auch gut und das habe ich ja auch erfolgreich gemacht. Nur das andere ist für mich auch ein wichtiges Thema, vor allem wenn man sieht, es fällt auf fruchtbaren Boden. Und man hat etwas bewegt. Ich selbst habe auch so wahnsinnig viel von Vortragsrednern gelernt, das kann man gar nicht in Worte fassen.

Was sind ihre nächsten Pläne, wo wollen Sie mit Ihrem Unternehmen hin?

Vanessa Weber: Ich möchte gern meinen Bruder noch ein bisschen mehr in die Verantwortung mit reinnehmen. Und mein Ziel ist es tatsächlich, die Vorträge noch mehr auszubauen, auf die großen Bühnen zu gehen. Und dazu gehört es, meine Firma so auszubauen, dass ich ruhigen Gewissens weg sein kann. Es ist ja auch so ein Sprichwort, dass man der beste Chef ist, wenn man sich im Unternehmen entbehrlich gemacht hat.

Und das ist mein Ziel, dass ich sagen kann, ich kann mein Unternehmen so zum Laufen bringen, dass ich mich um meine Herzensangelegenheit kümmern kann: ein positives Unternehmerbild zu schaffen. Denn wenn sie die Leute mal so fragen, was das Gesellschaftsbild von Unternehmern ist – das ist ja leider nicht sehr positiv geprägt. Und da ist es mir ein Anliegen zu sagen, ich möchte als positives Beispiel für Unternehmertum stehen. Unternehmer bewegen etwas und es ist wichtig, dass es Leute gibt, die Unternehmer sind.

Herzlichen Dank, Frau Weber!

Das Interview führte Alexandra Mieth

Vanessa Weber ist Geschäftsfüherin des 1948 gegründeten Familienunternehmens Werkzeugweber. Als ihr Vater sie fragte, ob sie den Betrieb übernimmt, war sie 18 Jahre alt. Seitdem konnte sie den Jahresumsatz der Firma verfünffachen. Die Unternehmerin aus Leidenschaft verbringt die meisten ihrer Wochenenden auf Netzwerk- und Weiterbildungsveranstaltungen, wo sie häufig selbst als Rednerin auf der Bühne steht. Termine und weitere Infos zu ihren Themen gibt es hier: www.vanessa-weber.de