Wenn man als Paar ein Unternehmen führt, verschmelzen Privat- und Berufsleben mitunter bis zur Unkenntlichkeit. Das erfordert Disziplin – vor allem darin, sich immer wieder abzugrenzen und Ruhepole zu finden. Welche enormen Vorteile es trotzdem hat, schon beim Zähneputzen über bevorstehende Meetings sprechen zu können, erzählt Bettina Plattner im Interview. Sie hat zum Thema Führungs-Paare ein Buch veröffentlicht.

Frau Plattner, es heißt oft, eine Geschäftsbeziehung ist wie eine Ehe. Würden Sie das unterschreiben?

Bettina Plattner: Diese Aussage will die Nähe, die enge Zusammenarbeit, die Loyalität und das aufeinander Angewiesen sein, das in einer engen Geschäftsbeziehung stattfindet, zum Ausdruck bringen. Dennoch kann ich die Formulierung nicht richtig unterschreiben.

Bettina Plattner-Gerber führt gemeinsam mit ihrem Mann das Unternahmen.
Bettina Plattner-Gerber ist Autorin des Buches „Wenn Paare Unternehmen führen“ und berät zusammen mit ihrem Mann Unternehmen in Managementfragen.

Wenn ein Paar ein Unternehmen führt, hat es mit zwei Systemen zu tun, die nach unterschiedlichen Gesichtspunkten funktionieren. Beim Unternehmen steht das betriebswirtschaftliche Element im Vordergrund, beim anderen das familiäre, emotionale. Im Unternehmen werden die Entscheidungen meistens im Hinblick auf die Rentabilität getroffen, in der Familie müssen zwischenmenschliche Probleme gelöst werden. Diese verschiedenen Verhaltensweisen schliessen sich nicht grundsätzlich gegenseitig aus, sie sind aber durch ihre Widersprüchlichkeit mit einem erhöhten Konfliktpotential gekoppelt.

Da die Lebenswelten verschmolzen sind und der Übergang zwischen Arbeitszeit und arbeitsfreier Zeit fliessend ist, kann es sein, dass das Paar schon beim Zähneputzen über die bevorstehende Sitzung spricht, abends im Bett neue Projektpläne ausheckt und in der Werbepause vom Tatort über Mitarbeiterprobleme spricht. Paare verbringen sehr viel Zeit im Betrieb. Sie sind meist immer erreichbar für die Mitarbeitenden und haben das Geschäft vor Augen. Der Wohnort befindet sich oft in unmittelbarer Nähe oder sogar am Arbeitsort selber. Häufig hat dies alles zur Folge, dass das Unternehmen den Beziehungs- und Familienalltag prägt und steuert. Wenn das Unternehmen z.B. in einer Krise steckt und unternehmerische Rückschläge bewältigt werden müssen, entsteht Druck auf die Paarbeziehung. Denn beide sind vom Unternehmen abhängig. Beide profitieren vom Florieren der Firma und beide erleiden finanzielle Einbussen, wenn es der Firma wirtschaftlich nicht gut geht.

Es ist eine dauernde Herausforderung für das Paar, Berufszeit und berufsfreie Zeit zu entflechten – je nach Bedürfnis. Das Paar muss immer wieder gut hinschauen, auch nach 10, 20 oder 30 Beziehungsjahren. Wenn Paare Unternehmen führen, müssen sie hohen Anforderungen standhalten und besondere Herausforderungen bewältigen. Diese verlangen gute Problemlösungsstrategien und Beziehungskompetenzen, ohne die die gemeinsame Unternehmensführung kaum gelingen wird.

Ist es dann ein Vorteil, wenn man gleich beides miteinander verknüpft und ein Geschäft gemeinsam mit dem Ehepartner führt?

Bettina Plattner: Als konkrete Vorteile aus Sicht des Unternehmens sehen wir in erster Linie die typischerweise starke Identifikation mit dem Unternehmen und das dadurch überdurchschnittliche Engagement. Ein CEO kann sich leicht für einen Firmenwechsel entscheiden, wenn er ein interessantes Angebot erhält, aber ein Paar ist emotional stärker involviert und weniger volatil, was für das Unternehmen eine grosse Stabilität bedeutet. Paare verkörpern die Fähigkeit, Schwierigkeiten auszusitzen und sind dadurch bei Finanzierungsfragen im Vorteil. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass eine mögliche Trennung das Projekt oder den Fortbestand des Unternehmens sehr gefährden kann. Das ist immer ein zweischneidiges Schwert. Unterm Strich ergibt sich aus dem Duo ein klarer Mehrwert, eine Art Bonus wie bei einer „3 zum Preis von 2“-Aktion im Supermarkt. Kompetenz, Erfahrung und Know-how werden im Doppelpack eingebracht, wodurch aber die effektive Leistung von mindestens drei Personen entsteht.

Das gemeinsame berufliche Engagement hat für die Paarbeziehung folgende Vorteile:

  • Es entsteht ein grosses gegenseitiges Verständnis für die beruflichen Aufgaben des Andern sowie eine sehr hohe Loyalität und Solidarität
  • die Möglichkeit zur Entwicklung der Paarbeziehungskompetenz, sprich das Zusammen Leben und Arbeiten ist ein laufendes gegenseitiges Coaching. Es ist sozusagen ein Lernen am Modell, eine Gratis-Weiterbildung innerhalb der Beziehung. Denn jeder Mensch ist einzigartig, hat seine Charaktereigenschaften, fühlt, denkt und handelt unterschiedlich. Dieser Mix trägt bei z. Führungsstärke, was der eine nicht hat, hat der andere und umgekehrt.
  • Herausforderungen werden auf 4 statt auf 2 Schultern verteilt.
  • Geringe Reibungsverluste infolge rasche Koordination von privaten und beruflichen Termine
  • Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist leichter, weil man als Unternehmer über einen grossen Handlungsspielraum verfügt. Die ermöglichte es dem Paar, den Alltag flexibel und möglichst bedürfnis- und kindergerecht zu gestalten.
  • Wenn die Partnerschaft und die Unternehmensführung gut laufen, überwiegen die Vorteile. Wenn die ganze Sache aber nicht gut funktioniert, zeigt sich ein ebenso grosses Risiko: das Paar ist dann im System eingeschlossen. Die starke Bindung, die Sie zum Unternehmen und zueinander haben wird zum Nachteil, denn die viel zu hohen Kosten und das Risiko eines Ausscherens sind zu hoch und können die Partner daran hindern, aus der verschworenen Gemeinschaft auszubrechen. Es ist deshalb immer auf allen Ebenen ein grosser Erfolg, wenn es gut läuft, aber eine grosse Misere, wenn es schlecht läuft.

    Welche Vorbereitungen bzw. Absprachen sollte man treffen, bevor man gemeinsam so ein Projekt startet?

    Bettina Plattner: Das Leben und Arbeiten im Partnerschaftstandem ist nichts für ausgeprägte Individualisten, die sich alleine profilieren wollen. Es ist ein Managementmodell für Menschen mit einer hohen Bereitschaft, immer wieder in die Partnerschaft zu investieren und so laufend an ihrer Paarbeziehungskompetenz zu arbeiten. Weiter benötigt es die Motivation für eine enge Zusammenarbeit und schliesslich ist die Bereitschaft und die Entwicklung der Fähigkeit zu einer lösungsorientierten und offenen Kommunikation von elementarer Bedeutung. Eine wichtige Voraussetzung ist auch, dass beide auf das gleiche Ziel hinwirken und die gleichen Wertvorstellungen haben. Wenn beide Partner ähnliche Erwartungen an das Leben und das Unternehmerische Wirken haben, wird es immer Mittel und Wege geben, um die Herausforderungen auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel zu bewältigen.

    Wie können junge Unternehmerpaare verhindern, dass das Business die Beziehung negativ beeinflusst – oder umgekehrt?

    Bettina Plattner: Da gibt es Vieles zu bedenken! Wenn Paare gemeinsam arbeiten ist Alles eins und die heutige mobile Erreichbarkeit verschärft die Abgrenzungsproblematik zusätzlich. Es ist deshalb wichtig, dass Führungs- und Unternehmerpaare ein klares Bewusstsein für die fehlenden Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben haben und immer wieder daran denken, sich abzugrenzen und Strategien festzulegen, um diese Grenzen sichtbar zu machen. Dabei sollte das Paar immer auch daran denken, dass sowohl das Unternehmen als auch die Partnerschaft davon profitiert, wenn es seine Beziehung ganz bewusst pflegt, sich die einzelnen Persönlichkeiten weiter entwickeln können und sich beide ab und zu eine Ruhephasen gönnen.

    Auch eine klare Trennung der Arbeitsbereiche sowie klare Vereinbarungen und klare Sprache in der Führung sind wichtig. Wer ist wofür verantwortlich, wer ist für was zuständig und hat wo Entscheidungskompetenzen. Dann entsteht auch für die Mitarbeiter mehr Klarheit.

    Da Männer und Frauen bekanntlich so verschieden sind und sehr unterschiedlich kommunizieren, liegt in der gelungenen Kommunikation und vor allem im zunutze machen der Unterschiede ein Schlüssel zum Erfolg. Sich ergänzende oder auch gegenteilige Sichtweisen und Talente der beiden Beziehungspartner sind eine positive Kraft und fördern den Unternehmenserfolg. Das Anerkennen dieser individuellen Unterschiede ist Chance und Ressource zugleich. Über unterschiedliche Ansichten muss verhandelt und manchmal nach einem neuen, dritten Weg gesucht werden.

    Weiter sind Achtung und Wertschätzung ganz besonders wichtig – natürlich für alle Paare. Jeder Beitrag von Mann und Frau, ob finanziell entschädigt oder nicht, ob im Haushalt, mit den Kindern, im Büro oder in der Fabrikhalle, trägt zur Gesamtleistung und zum Erfolg des Führungsduos bei.

    Das gemeinsame Engagement und die gemeinsame Verfolgung eines Zieles sind ebenfalls eine wichtige Basis für die Paarbeziehung. Wenn beide auf das gleiche Ziel hinwirken und die gleichen Idole und Wertvorstellungen haben, trägt der lebhafte Austausch über die unterschiedlichen Möglichkeiten der Zielerreichung zum Unternehmenserfolg bei. In vielen Führungspartnerschaften werden die Finanzen eine Herausforderung. Deshalb ist eine klare Absprache über das Salär oder die Entschädigung von Leistungen ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor. Eine regelmässige Standortbestimmung – ein ganz normales Führungsinstrument, welches viele Unternehmen einsetzen – ist ebenfalls nützlich. Manchmal muss man auch den Mut haben, das gewählte Arbeits- und Lebensmodell zu hinterfragen und vielleicht den wechselnden Bedürfnissen anzupassen.
    Etwas vom allerwichtigsten aber ist der Humor und die Fähigkeit, auch einmal über sich selber oder gemeinsam mit dem Partner über eine Paarsituation zu lachen. Humor führt zu Entspannung und tut manch‘ einer herausfordernden Situation gut!

    Nicht alle Unternehmungen laufen glatt. Welche Tipps haben Sie für den Umgang mit dem gemeinsamen Scheitern?

    Bettina Plattner: Wenn es dem Unternehmen nicht gut geht, leidet die Paarbeziehung, wenn’s der Paarbeziehung nicht gut geht, leidet das Unternehmen. Es liegt in der Verantwortung des Paares, sich zusätzliche Unterstützung zu holen und Herausforderungen als Chance zur Weiterentwicklung der Paarbeziehungskompetenz und zur Sicherstellung der Unternehmenszukunft zu betrachten. Denn es darf nicht vergessen werden, dass durch die Herausforderungen im Unternehmensumfeld und/oder durch allfällige Probleme des Paares auch andere Menschen (z.B. Mitarbeitende oder Kinder) in Mitleidenschaft gezogen werden. Das Paar lebt als Führungsduo mit der optimalen Gestaltung seiner eigenen Beziehung und mit einer guten Kommunikation – auch in Konfliktsituationen – im Unternehmen den Mitarbeitenden seinen Beziehungsstil vor und ist somit ein entscheidendes Modell für alle Beteiligten. Paare sollten bei Unternehmenskrise folgendes beachten:

  • Sich professionelle Unterstützung (z.B. durch den Treuhänder oder durch die Bank) für die zahlreichen komplexen Fragen holen, die auf der Unternehmensseite auftauchen.
  • Der privaten Beziehung Sorge tragen, denn durch die Krise im Unternehmen kommt die Paarbeziehung automatisch unter Druck.
  • Mann und Frau müssen sich die Frage stellen, was jeder braucht und wie sie sich gegenseitig aufbauen können. Sie benötigen aber auch unabhängig voneinander einen vertraulichen Rahmen (z.B. Beratung), in welchem jeder über seine aktuellen Probleme bezüglich der schwierigen Situation sprechen kann. Denn möglicherweise möchte oder kann man sich gegenseitig nicht noch mehr mit den jeweils individuellen Problemen belasten. In der Krise ist man sich so nah, dass man sich gegenseitig nicht mehr helfen kann. Die Gefahr, dass die Unternehmenskrise eine Beziehungskrise nach sich zieht, ist z.B. bei Reorganisationen oder Zahlungsunfähigkeit sehr gross. Das Führungsduo ist in dieser Hinsicht immer doppelt belastet.
  • Niemand denkt gern darüber nach, aber Trennungen sind keine Seltenheit. Wie verfährt man in solchen Fällen am besten mit der Firma? Augen zu und durch oder besser Trennung auf der ganzen Linie?

    Bettina Plattner: Die Voraussetzungen und die Geschichte in einer Partnerschaft sind so unterschiedlich, dass die Frage nicht eindeutig beantwortet werden kann. Sicherlich führt eine Trennung oft zu einer Auflösung auf der ganzen Linie und bringt nicht selten auch existenzielle Problem mit sich. Sie muss aber nicht unbedingt das Ende des gemeinsamen Arbeitens bedeuten. In unserem Buch portraitieren wir ein Paar, welches trotz Trennung beruflich zusammengeblieben ist und auch als geschiedenes Paar weiterhin erfolgreich sein Unternehmen geführt hat. Während der Jahre der Trennung in denen sie trotzdem gemeinsam gearbeitet haben, fingen die beiden an, richtig miteinander zu reden und einen besseren Umgang zu entwickeln. Heute sind sie wieder zusammen. Die Leidenschaft für das Unter-nehmen hat sie wieder vereint, die Tatsache, dass sie durch die Arbeit in Verbindung blieben hat es den beiden ermöglicht, einen neuen Weg zu finden. Wie auch immer, ist es wichtig, in einer solchen Situation gute Ansprechpartner zu haben. Dies kann der Treuhänder oder ein Organisationsberater sein aber auch ein verständnisvoller Verwaltungsrat oder Eigentümer. Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist es auch ratsam, vorübergehend einen Therapeuten oder Coach beizuziehen, der hilft, die vielleicht von komplexen Emotionen begleitete Situation zu überstehen und einen neuen Weg zu finden.

    Aus eigener Erfahrung: gründen mit dem Lebenspartner jederzeit wieder und lieber nicht noch mal?
    Bettina Plattner: Auf jeden Fall. Trotz den Herausforderungen die auch für uns immer wieder da sind: die Vorteile und Chancen überwiegen bei weitem!

    Herzlichen Dank, Frau Plattner!

    Bettina Plattner-Gerber berät gemeinsam mit ihrem Mann Richard Plattner-Gerber seit 2010 Unternehmen in Strategie- und Führungsfragen sowie in der Projektentwicklung. Sie blicken auf mehr als 25 Jahre Erfahrung als Führungsduo in Hotellerie und Beratung zurück. Zusammen mit ihrer Co-Autorin Lianne Fravi hat sie ihre Erfahrungen in dem Buch „Wenn Paare Unternehmen führen“ zusammen gefasst.